Die Nachtführungen im Herbst 2003
 

Nächtliche Führungen zu Liebespflanzen im Palmengarten

Die Veranstaltungsreihe nächtlicher Wanderungen durch den Palmengarten konnte in diesem Jahr bereits auf ein 5-jähriges Bestehen zurückblicken. In den milden Sommernächten des Jahres 2003 erkundete von August bis September jeden Dienstag eine Gruppe von etwa 40 interessierten Menschen unterschiedlichsten Alters diverse Liebespflanzen im Freiland des Palmengartens. Wie in jedem Jahr war uns Petrus dabei wohl gesonnen, denn bei all den vielen Führungen haben wir noch niemals Regen erlebt. Neu war in diesem Sommer, dass außer Ulrike Brunken, Heidrun Janka und Hilke Steinecke, von denen die Gruppe durch den Park geführt wurde, die Leserin Birgit Braun mit dabei war.

Beginn der Veranstaltung war stets um 20.00 Uhr. Die erste Station für alle gemeinsam war dieses Mal der Rosengarten mit dem Haus Rosenbrunn. Eingestimmt durch einige kurze Rosengedichte von Rilke, Beyath, Claudius und Fontane, konnte sich jeder mit einem rosenroten Saft stärken. Zur Erinnerung erhielten alle eine weiße, rote oder rosa Papierrose, die schnell bei vielen im Knopfloch oder an der Haarspange befestigt war. Die Rose hat eine lange Kulturgeschichte hinter sich und wird häufig mit Aphrodite oder Freudenmädchen (den so genannten Rosengässlerinnen) in Verbindung gebracht. In Rom feierte man ausgiebige Rosenfeiern. Nach einem Exkurs in Kulturgeschichte und Symbolik der Rose trennte sich die Gruppe in zwei Teilgruppen auf, um in kleinerer Runde weitere Liebespflanzen zu erkunden.
 

   
Der Rosenbusch

Es haben meine wilden Rosen
-erschauernd vor dem Hauch der Nacht-
die winde - leichten, dichten, losen
Blüten behutsam zugemacht.

Doch sind sie so voll Licht gesogen,
dass es wie Schleier sie umweht,
und dass die Nacht, in scheuem Bogen,
am Rosenbusch vorübergeht.
 
 

Mit der einbrechenden Dämmerung verströmten die Engelstrompeten in diesem heißen Sommer einen besonders süßen Duft. Die Gruppe zog deshalb weiter zum Sommerflor am Tropicarium, um Brugmansien und Ziertabak zu begutachten. Hier gab es nun allerhand Spannendes über Nachtschattengewächsen zu erfahren. Wer hätte gedacht, wie schwierig und mit wie viel Gefahren es angeblich verbunden ist, ein Alraunenmännchen aus der Erde zu ziehen. Ein Text aus Grimms, Sagen, ausdrucksvoll von Birgit Braun vorgetragen, versetzte die Zuhörer in Staunen.

Nicht nur die Engelstrompeten duftete in den Abendstunden ganz betörend, sondern auch die Spinnenblumen verströmten einen schweren Duft. In ihrer Heimat werden sie von Nachtfaltern aufgesucht. Die "Nachtwanderer" folgten dem Duft und landeten bald am Mittelmeerhang. An dieser Station erfuhr man viel über Symbolik und Geschichte von Granatapfelbaum und Feige. Beide Arten sind Liebes- und Fruchtbarkeitssymbole, die bereits in der Bibel im Hohen Lied Salomos Erwähnung finden.

 
 

Sieh, meine Freundin, du bist schön!

Siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead. Deine Zähne sind wie eine Herde geschorener Schafe, die aus der Schwemme kommen: alle haben sie Zwillinge, und keines unter ihnen ist unfruchtbar. Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich. Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe von Granatäpfeln. Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, lauter Schilde der Starken. Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter den Lilien weiden.


Bis der Tag kühl wird und die Schatten schwinden, will ich zum Myrrenberge gehen und zum Weihrauchhügel. Du bist wunderbar schön, meine Freundin und kein Makel ist an dir. Von deinen Lippen, meine Braut, träufelt Honigseim. Honig und Milch sind unter deiner Zunge, und der Duft deiner Kleider ist wie der Duft des Libanon. Du bist gewachsen wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten, Zyperblume und Narden, Narde und Safran, Kalmus und Zimt, mit allerlei Weihrauchsträuchern, Myrrhe und Aloe, mit allen feinen Gewürzen. Ein Gartenbrunnen bist du, ein Born lebendigen Wassers, das vom Libanon fließt.

 
 

Der Geschmack beider Früchte konnte getestet werden. Zwischen diesen Liebespflanzen wurde ein mutiger Amor ausgesucht, der mit Pfeil und Bogen auf ein rotes Pappherz zielen sollte. Nach erfolgreichem Schuss mittels "Liebespfeil" gab es zur Belohnung ein kleines Präsent: einen Liebespfeil in Form eines Bleistiftes mit Herz.

Da die tropischen Seerosen sich bei den sommerlichen extrem hohen Temperaturen im Becken am Tropicarium besonders gut entwickelt hatten, gab es fast immer die Gelegenheit, eine weiße oder rosa Blüte der Victoria amazonica zu beobachten. Seerosen gelten als Pflanze der Reinheit und Keuschheit, werden aber auch als Liebespflanzen betrachtet. Sitzt eine Nixe zwischen den Seerosen, kann das sehr verführerisch sein, wie es Birgit Braun mit dem Gedicht von Kurt Schwitters anschaulich verdeutlichte.

Falls die Seerosenblüte zu abendlicher Stunde noch geschlossen war, ließ sich die Öffnungsbewegung einer Blüte ganz einfach im Modell demonstrieren: eine sternförmige Blüte aus Papier, deren Zipfel nach innen geklappt waren, öffnete sich innerhalb einer Minute, wenn sie auf die Wasseroberfläche gesetzt wurde. Etwas trockener ging es auf der Steppenwiese zu. Verschiedene Beifuß (Artemisia)-Arten wurden schon bei den Germanen während der Sonnenwendfeiern als Liebeskraut eingesetzt. Das Absinth-Getränk ist eine besonders hochprozentige Verarbeitungsform von Artemisia absinthium, das schon viele Künstler inspirierte. Das Schnuppern an einer geöffneten Absinth-Flasche brachte stets viel Spaß.

 
 

Weiter ging es dann zum Goethegarten, in dem man viel über Malus domestica und Liebesäpfel erfuhr. Höhepunkt dieser Station war der Verzehr von Liebesäpfeln. Sie wurden in Form von Spießen, auf die mit Schokolade überzogene und mit Liebesperlen verzierte Apfelschnittchen aufgefädelt waren, gereicht. Bei den August-Terminen war es selbst in der Nacht so heiß, dass die Schokolade zu schmelzen begann. Und es gab noch andere Freunde von Liebesäpfeln im Garten: nach Beendigung der Führung saß an zwei Abenden in der leeren Schüssel ein dicker Igel, der wohl gerade die letzten Reste des schokoladig-fruchtigen Imbisses vernascht hatte.

 
 

Ein Baum mit Liebessymbolik ist die Linde. Die Gruppe hörte nicht nur, woher die Linde ihren Namen hat und dass die Städte Linz, Lindau und Leipzig nach ihr benannt worden sind. Liebende trafen sich früher vielleicht besonders gern unter Linden, weil ihre Laubblätter herzförmigen Umriss haben. Als Ergänzung dazu erhielt jeder Teilnehmer ein aus Papier geflochtenes Herz, gefüllt mit einem Weingummiherz. Wer neugierig wurde, wie solche Herztäschchen gebastelt werden, konnte sich gleich vor Ort Ratschläge in "Herzensangelegenheiten" geben lassen. Der Vorrat dieser Geschenke verbrauchte sich von Woche zu Woche schnell, so dass wir kaum mit der Produktion nachkamen.

Gut, dass uns ehrenamtliche Helferinnen wie Erdmute Leuchs und Andrea Linzmeier dabei geholfen haben.

 
 

Anschließend ging es auf "weite Reise" quer durch den Garten. Dank der Hilfe und Organisation unseres Lokführers Ulrich Michalski konnte der Palmen-Express zumindest bei den ersten Führungen wieder starten und uns bis zur Grotte im Steingarten bringen. Zwischenzeitlich ließ Birgit Braun die "Liebesgrotte" im Schein von vielen Teelichtern und elektrisch leuchtenden Rosen erstrahlen. Begeistert waren hier alle von dem Märchen von Dornröschen, in dem man auch lernte, wie man mit Fröschen umzugehen hat. Diese nette Liebesgeschichte von Friedhelm Kändler endete allerdings nicht mit der Hochzeit des aus einem Frosch erlösten Prinzen und der hübschen Erlöserin, sondern mit Flecken an den Wänden! Ein Konzert mit Holzfröschen, Weingummifrösche zum Vernaschen und ein Liebesrezept trugen zur besonderen Stimmung in der Grotte bei.

 
 

Der Kreis der Führung rund um Liebespflanzen schloss sich im Rosengarten in wunderbar romantischen Sommernächten mit der blauen Blume der Romantik. Zum Ausklang wurden ein paar Zeilen aus dem Kleinen Prinzen vorgetragen:


aus: Der kleine Prinz

"Die Menschen bei dir zu Hause", sagte der kleine Prinz, "züchten fünftausend Rosen in ein und demselben Garten... und sie finden dort nicht, was sie suchen..."Sie finden es nicht", antwortetet ich..."Und dabei kann man das, was sie suchen, in einer einzigen Rose oder in einem bisschen Wasser finden..."
"Ganz gewiss", antwortetet ich. Und der kleine Prinz fügte hinzu: "Aber die Augen sind blind. Man muss mit dem Herzen suchen".

von Antoine de Saint-Exupéry


Auch wenn die blaue Blume eher ein Symbol der Sehnsucht und Unerreichbarkeit darstellt, konnte sie hier im Rosengarten gezeigt werden. Denn wir hatten eine weiße Rose blau gefärbt, indem wir sie zuvor in blaues Tintenwasser gestellt hatten. Nach einer gut zweistündigen Veranstaltung entließen wir unsere vergnügten Gäste in die laue Sommernacht.

Auch in der kommenden Zeit sind neue sinnliche Nachtwanderungen durch den Palmengarten geplant. Im Winter stehen im kerzenbeleuchteten Tropicarium Palmen auf dem Programm und der folgende Sommer lockt mit Zauberpflanzen.

Wir freuen uns auf weitere Führungen
mit Ihnen im nächsten Jahr

   
Ihre
Dr. Hilke Steinecke

Tel: 069 / 212 - 38 149
Palmengarten Frankfurt
Siesmayerstraße 61
60323 Frankfurt
 

 

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